Rückfall ist kein Versagen
Alkoholabhängigkeit ist eine chronische Erkrankung – und wie bei jeder chronischen Erkrankung gehören Rückschläge zum Genesungsprozess. Der sogenannte Abstinence Violation Effect (AVE) beschreibt das Phänomen, dass ein einzelner Ausrutscher zu katastrophisierendem Denken führt: „Jetzt ist eh alles egal." Genau dieses Denken – nicht der Ausrutscher selbst – führt zum vollen Rückfall. Wenn du den AVE erkennst und durchbrichst, kannst du einen Lapse (Ausrutscher) stoppen, bevor er zum Relapse (Rückfall) wird.
Lapse vs. Relapse
Ein Lapse ist ein einzelner, begrenzter Ausrutscher – du trinkst einmal oder an einem Abend, erkennst es und kehrst sofort zur Abstinenz zurück. Ein Relapse ist die Rückkehr zum alten Trinkmuster über Tage oder Wochen. Der entscheidende Unterschied liegt in deiner Reaktion: Ein Lapse wird nur dann zum Relapse, wenn du aufhörst gegenzusteuern. Marlatt und Gordon zeigten in ihrer Forschung zur Rückfallprävention, dass die Bewertung des Ausrutschers wichtiger ist als der Ausrutscher selbst.
Was tun nach einem Rückfall?
Sofort handeln, nicht warten: Schütte vorhandenen Alkohol weg, ruf deine Vertrauensperson an, geh in deine nächste Selbsthilfegruppe oder Beratungsstelle. Nicht katastrophisieren – analysiere stattdessen sachlich: Was war der Auslöser? Welche Situation, welche Emotion, welcher Gedanke hat zum Trinken geführt? Schreibe es auf, denn diese Analyse ist der Grundstein für deine verbesserte Strategie. Warte nicht auf „Montag" oder „den Ersten des Monats" – steige sofort wieder ein. Jede alkoholfreie Stunde nach dem Rückfall zählt.
Trigger analysieren
Die häufigsten Rückfall-Trigger bei Alkoholabhängigkeit sind: soziale Situationen mit Trinkanlass (Feiern, Ausgehen, Geschäftsessen), negative Emotionen (Stress, Einsamkeit, Langeweile, Ärger), positive Emotionen und Übermut („Ich habe es im Griff"), körperliche Beschwerden und Erschöpfung sowie Konflikte in Beziehungen. Nutze das HALT-Modell als schnellen Check: Hungry, Angry, Lonely, Tired? Tracke deine Trigger systematisch mit Drywell – die
K.L.A.R. Methode hilft dir, Muster zu erkennen, bevor sie zum Rückfall führen. Mehr zu mentalen Techniken unter
Mentale Stärke gegen Cravings.
Rückfallprävention
Effektive Rückfallprävention beginnt vor dem Rückfall: Erstelle einen schriftlichen Notfallplan mit konkreten Handlungen für Risikosituationen, halte den Kontakt zu Selbsthilfegruppe und Beratungsstelle aufrecht, und meide bewusst Hochrisiko-Situationen in den ersten Monaten. Wenn Alleinversuche wiederholt scheitern, ist das ein klares Signal, die Strategie zu ändern – etwa medikamentöse Unterstützung hinzuzunehmen oder den Therapierahmen zu intensivieren. Informiere dich unter
Professionelle Unterstützung über deine Optionen und nutze das
Tracking deines Trinkverhaltens, um Warnsignale frühzeitig zu erkennen.